Es war ein stressiges, ausgefülltes Wochenende mit Kindergeburtstag, Arbeitseinsatz im Kiga, Besuchskindern. Ich hatte nicht viel Zeit mit dem Bauchbaby in Verbindung zu treten. Morgens habe ich es noch kurz gespürt, dann den ganzen Tag nicht, mir fest vorgenommen, mir abends auf dem Sofa nochmal Zeit zu nehmen. Allerdings bin ich so erschöpft, dass ich nach 2 Minuten einschlafe. Beim nächtlichen Pipimachen ebenfalls keine Bewegungen. Mich beschleicht eine Ahnung... Unser Baby war eigentlich sonst immer aktiv, immer in Kontakt mit mir. Ich weiß in der Nacht schon, dass es nicht mehr bei uns ist.
Montag morgen, 8.5.
Ich stehe auf, betrachte meinen Bauch im Spiegel. Er ist kleiner als sonst, weicher. Ich setze mich aufs Sofa, messe Blutdruck 110/60mmHg. Versuche erneut, das Baby zu wecken. Nichts. Ich bereite das Frühstück vor, der Tag ist wieder sehr ausgefüllt. In jeder freien Minute versuche ich das Baby zu wecken. Keine Reaktion. Als die Kinder abends baden, setze ich meinen Mann in Kenntnis, rufe dann im KH an. Mein Mann, die diensthabende Ärztin, sie glauben mir nicht. Ich habe auch immer noch einen letzten irrationalen Hoffnungsrest. Im KH angekommen werde ich direkt zum Ultraschall gebeten. Die Ärztin sagt schon nach 2 Sekunden: Es tut mir leid. Ich kann keine Herzaktion feststellen. Ich antworte: ja, ich weiß...
Ich will weg von der Liege. Sie bittet mich, den Schall noch beenden zu dürfen. Das Baby ist zeitgerecht entwickelt. Seit ca 24h tot. Keine Auffälligkeiten.
Die Hebamme nimmt uns mit, tröstet, erklärt. Man bietet uns an, die Nacht zu Hause zu verbringen. Ich will nicht nach Hause. Nicht mit meinem toten Baby im Bauch. Ich will in meinen normalen Alltag zurück.
Mein Mann ist völlig fassungslos. Nie hat er mit dieser Möglichkeit gerechnet. Er weint, sagt, es fühle sich an wie vor einem erschreckenden Abgrund zu stehen. Er hadert damit, nie meinen Bauch berührt zu haben, was er in den anderen Schwangerschaften auch nicht wollte. Aber diesmal hat er das Gefühl, die Chance, sein Kind kennen zu lernen, ihm zu zeigen, dass er es liebt, verpasst zu haben. Für ihn war völlig klar, dass er nach der Geburt auch dieses Baby lieben würde wie die anderen, aber jetzt ist es einfach vorher gegangen...
Ich werde auf Station aufgenommen. Die Nacht ist unruhig. Immer mal wieder weine ich, schaue belanglosestes Free TV. Das Nachtprogramm ist der Hammer

Dienstag, 9.5.
Morgens Visite. Der Arzt erklärt, er werde später das erste Gel zur Einleitung legen. Ich habe sowieso immer mal wieder Kontraktionen. Anscheinend versteht mein Körper schon langsam, was passiert ist. Das Gel zeigt erstmal keine große Wirkung.
Mein Mann hat es inzwischen den Geschwistern erzählt. Luise plant schon die Beerdigung. Was sie auf den Sarg malen möchte, was reintun. Ob wir das Baby nicht in unserem Garten beerdigen können. Theo nimmt die Botschaft auf, schweigt. Nachfrage, ob er verstanden hat. Ja, hat er. Keine weiteren Worte.
Mittags kommen sie mich besuchen. Sie sind aufgewühlt, unruhig, bedrängen mich, vermissen mich zuhause. Es ist anstrengend.
In der nächsten Nacht schlafe ich viel.
Mittwoch, 10.5.
Morgens wird ein ogtt durchgeführt. Der zweite Wert liegt minimal über dem Grenzwert. Wir hatten immer normgewichtige Kinder. Ich weigere mich zu glauben, dass diese minimale Störung der Glukosetoleranz einen Einfluss gehabt haben soll.
Das zweite Gel wird gelegt.
Gegen 16 Uhr verliere ich den Schleimpfropf. Danach die ganze Zeit blutiges Zeichnen, fast regelstark. Das kenne ich von den anderen Geburten nicht. Ich bin etwas beunruhigt, gehe in den Kreißsaal. Die Wehen beginnen langsam, mein Mann kommt.
Die Eröffnungsphase verbringe ich im Stehen. Sobald ich mich setze oder hinlege, werden die Wehen schwächer. Anscheinend kann das kleine Köpfchen nur im Stehen genug Druck ausüben. Die Wehen sind leicht. Ich muss sie kaum vertönen. Dennoch öffnet sich der Muttermund rasch. Mein Körper tut nur das Nötigste, ist eine funktionierende Hülle. Ich bin völlig klar, rational. Keine Spur vom Rausch bei der Geburt eines lebenden Kindes. Die Wehen entfalten keine richtige Kraft. Ich bekomme einen Wehentropf auf niedriger Stufe. Die Wehen nehmen minimal zu, sind aber immer noch sehr aushaltbar. Die Hebamme bittet mich, die Fruchtblase öffnen zu dürfen, damit das Köpfchen mehr Druck ausüben kann. Ich stimme zu. Wieder werden die Wehen etwas stärker. Ich liege nach der Blasensprengung. Habe keine Motivation oder Kraft aufzustehen? Schließlich ist der Muttermund bei 8cm, es beginnt das Gefühl der Übergangsphase. Ich fange an zu zittern, will nicht mehr weiter. Es dauert nur ein paar Wehen. Die Hebamme sagt, auch wenn kein Pressdrang spürbar sei, solle ich mitschieben. Ich tue es. Drei Wehen rechte Seite, fünf Wehen Vierfüßler. Das Baby soll jetzt endlich raus. Ich weiß, es kann nicht helfen, ich muss es alleine schaffen. Noch drei Wehen in Linksseitenlage, dann ist der Kopf da. Mit der nächsten Wehe der Körper. Mein Mann beginnt haltlos zu schluchzen. Ich sage, er kann gehen, ich schaffe es jetzt ohne ihn. Er bleibt. Wir schauen unser Baby gemeinsam an vorsichtig nehme ich den kleinen, warmen, leblosen Körper hoch. Ich sage: Was war nur los mit dir. Du siehst doch ganz gesund aus... Wir schauen nach dem Geschlecht. Wieder ein kleines Mädchen. Anni

Sie ist wunderschön und perfekt wie alle unsere Kinder. Mein Mann kann es nicht fassen. Er hatte erwartet, jetzt einen Grund zu erfahren, aber es gibt nichts Ersichtliches, Greifbares. Die Hebamme wickelt die Kleine in eine Decke, gibt sie meinem Mann, da bereits die Plazentageburt beginnt. Mein Mann wiegt das tote Baby, bis er merkt wie absurd das ist...
Auch die Plazentageburt verläuft zum Glück problemlos. Ich hatte große Angst, sie würde sich in dieser frühen Woche nicht lösen und ich bräuchte eine Ausschabung. Aber mein Körper leistet perfekte Arbeit. Ich bin froh, den toten Körper nicht mehr in mir zu haben, bin stolz auf meinen Körper, dass er auch diese Prüfung so gemeistert hat. Dass mir neben dem seelischen Schmerz nicht auch noch ein körperlicher angetan wurde...
Später weiter
