Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

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Muttertier

Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Muttertier » Di 5. Mai 2015, 11:02

Heute vor drei Wochen, ich war bei 39+2, hab ich noch wie wild zuhause geputzt und geräumt, in der festen Überzeugung, dass die Geburt bestimmt erst losginge, wenn alles was ich mir vorgenommen habe, erledigt ist. Das schaffte ich zwar noch nicht ganz, aber zumindest das Haus war von oben bis unten sauber und alle Wäsche abgearbeitet. Gegen mittag stellte sich ein mensartiges Ziehen im Bauch ein, (so wie auch meine erste Geburt begann, da dauerte es aber noch 24 h bis das Kind da war), also ich blieb weiter in Bewegung. Ich führte noch den Hund aus, der Schwiegerpapa kam zu Besuch, wir holten den Großen im Kindergarten ab, aßen was und gingen nochmal etwas spazieren. So richtig Appetit hatte ich ja nicht mehr. Als der Große dann im Bett war, und der Schwiegervater weg, legte das Ziehen noch etwas zu. Förmlich mit jeder erledigten Tagesaufgabe ging es voran. Mein Mann würde länger arbeiten müssen an diesem Tag, also war ich noch allein. Gegen neun ging ein kleines bisschen Blut ab, kein richtiger Schleimpfropf - aber ich rief schon mal meine Hebamme an um sie zumindest vorzuwarnen, dass was im Gang ist. Ich meinte immer noch dass das Ganze noch bis tief in die Nacht oder gar dem nächsten Vormittag dauern könnte, ich würde sie rufen wenn sich mehr tut, oder auch in der Früh entwarnen falls nicht. Immerhin hatte ich bisher nie Vorwehen gehabt, und ich wollte nicht alle scheu machen und dann tagelang genervt werden ob es nun endlich losginge, falls es diesmal welche gewesen sein sollten.
Dann ging es aber doch voran, die Wehen wurden kräftiger, wenn auch immer nur "vorne im Bauch" und nicht so richtig über den Rücken, wie ich es von der ersten Geburt in Erinnerung hatte. Aber ich musste mich bereits übergeben und wurde zittrig (wobei es bei der ersten Geburt danach auch noch Stunden gedauert hatte), wollte in die warme Wanne, dann wieder raus... Ich versuchte zu tasten, so richtig Muttermundweite konnte ich nicht ermitteln, aber ich konnte schon den festen Kopf spüren, der schon tief im Becken saß. Mein Mann kam gegen zehn und um halb zwölf wurde er etwas nervös und wollte dass wir die Hebamme nun rufen, immerhin hat sie auch eine Anfahrt von einer Stunde... Also hab ich sie gebeten zu kommen, und ging nochmal in die Wanne.
Sie kam um kurz vor eins, ich veratmete noch ein paar Wehen in der Wanne und kam aufs Bett, um sie nach dem Muttermund schauen zu lassen. Sie schätzte 5 cm, Herztöne waren prima. Mir war abwechselnd heiß und kalt, ich kam aber in der Wanne besser damit klar, da ich mich nach Bedarf mehr oder weniger ins warme Wasser tauchen konnte oder mich an den kühlen Wannenrand lehnen.
Obwohl ich diesmal einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht hatte, war ich ausgerechnet die zwei Stunden in denen es um die Wehenverarbeitung ging krank, sodass ich das für mich eigentlich wichtigste verpasst hatte. Und so dachte ich an das was ich bei Ina May Gaskin gelesen hatte, und versuchte alles locker zu lassen. Die Schultern, Arme, Kiefer, immer wieder bewusst lockern, tief atmen, einfach nur ein und aus. Ich hatte eine Erinnerung aus früheren Zeiten, als ich Motorrad gefahren bin, dazu hab ich auch in einem schlauen Buch ("Die obere Hälfte des Motorrads") gelesen wie wichtig es ist, die Arme nur locker aufzulegen, nicht das Lenkrad zu umklammern und auch die Gesichtsmuskeln zu lockern - in dem Zusammenhang um sich nicht mit hektischen Zuckungen in Gefahr zu bringen und zu stürzen. Ich glaub ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der in der Lage ist, Gebären und Motorradfahren irgendwie zu verknüpfen, aber gut, es gelang ganz gut nicht zu verkrampfen, und die Minute während der Wehe einfach nur tief zu atmen.
Irgendwann hab ich während der Wehe aktiv versucht den Beckenboden lcker zu lassen, in etwa wie wenn man ganz dringend pinkeln muss und anhält, und dann endlich auf dem Klo ist und loslassen kann. Kein richtiges Pressen, aber eben ein bewusstes Nachgeben, vielleicht ein mini-kleines Schieben. Es fühlte sich gut an, machte den Wehenschmerz etwas milder, so schien es mir.
Ich kniete in der Wanne und legte meinen Hintern auf den Fersen ab, die Füße aufgestellt. Während solch einer Wehe platzte die Fruchtblase mit einem richtigen Schuss und der Kopf rutschte fast bis an den Scheideneingang, ich hielt die Hand hinn und fühlte. Ich bin erschrocken, weil eine heftige Presswehe gleich hinterherkam, und ich noch etwas überrumpelt war. Ich war noch nicht soweit, ich wollte erst wieder eine Wehenpause, nicht gleich weiter. Ich ließ die Hebamme schauen, denn das Fruchtwasser war etwas gelblich-trüb, aber sie meinte das wäre ok, ich solle mich nicht sorgen. Sie prüfte auch zwischendurch die Herztöne, die einmal auch etwas runtergingen, wie wir dann im Nachhinein besprochen haben, auch durch den Schreck weil das Kind so in einem Rutsch durch den Geburtskanal rauschte. Ich konnte mich etwas nach vorne lehnen so in einen aufgerichteten Vierfüßler, unsere Wanne ist alt und tief genug, dass ich damit immer noch genug im Wasser war. Ich fühlte also mit der Hand schon das Köpfchen, und bei den folgenden Presswehen schob ich mit, ein-zweimal noch etwas zaghaft, da mich die Dehnung und das Brennen etwas abschreckten, dann aber kräftig genug, sodass Kopf und halber Rumpf in einem rausschlüpften. Ich schaute runter und da war der kleine Mensch und streckte mir die Arme entgegen. Ich hielt die Daumen hin, die Hebamme ermunterte mich nochmal zu pressen (und nicht zu ziehen! wozu ich reflexartig fast ansetzte), und mit einem kleinen Schubs war der ganze Prachtkerl dann da. Ich hob ihn aus dem Wasser, die Nabelschnur reichte gerade so um ihn über Wasser zu halten als er an meiner Brust lag. Geburtszeit war 1:48. Die Nabelschnur pulsierte noch recht lange, mir wurde fast schon zu kalt im Wasser, außerdem hat der Kleine direkt sein erstes Mekonium abgeladen und die Brühe in der Wanne war zunehmend unangenehm. Aber wir ließen uns Zeit, nach dem Abnabeln kam er dann zu Papa und ich wartete noch auf Wehen, die aber so direkt nicht kamen, trotzdem war mit leichtem Pressen dann die Plazenta kurz danach auch in der Wanne. Ich duschte mich kurz ab und stieg raus, übliches Netzhöschen, Vorlagen, Shirt und Bademantel, und schlüpfte sogleich ins Bett, wo wir den Kleinen erstmal etwas nuckeln ließen. Ich fühlte mich sehr gut, schmerzfrei und glücklich, noch nichtmal so recht erleichtert, da ich vorher nicht wirklich angespannt war; im Nachhinein erschien es so keine große Sache gewesen zu sein, sondern einfach nur ganz normal, Baby war geboren.
Als wir dann etwas gekuschelt hatten und er nochmal eine ordentliche Ladung Mekonium ins Handtuch gedrückt hatte, haben wir ihn sauber gemacht, untersucht und gewickelt. Er war kleiner als ich erwartet hatte, 3320 g bei gut 50 cm. Hatte meine Virusgrippe und das wenige Essen die letzten Wochen wohl doch ein bisschen was ausgemacht. Die Hebamme stellte bei mir doch zwei kleine Dammrisse fest, die aber, weil sie gegenüberlagen, doch besser genäht werden sollten. Wir legten uns aber alle schlafen, brachten am nächsten Morgen den Großen in den Kindergarten und fuhren dann anschließend in die Klinik zum Nähen.

Drei Wochen ist es jetzt her, und es fühlt sich schon so weit weg an, wie in einem anderen Leben. Er war ein Geschenk, seine Geburt, sein bloßes Dasein, die ganze Liebe die wir erleben durften, dafür möchte ich dankbar sein, und an diesen Erinnerungen festhalten.

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rebecca17
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon rebecca17 » Di 5. Mai 2015, 12:04

Danke für diesen schönen Bericht! Ich wünsche dir, dass du diese wunderbaren Momente für immer in deinem Herzen bewahren kannst und sie irgendwann den schrecklichen Schmerz ein wenig überdecken.
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Sommernachtsjunge 07/2015 - kraftvolle Hausgeburt
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Lilith
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Lilith » Di 5. Mai 2015, 12:12

Ich schließe mich rebecca17 an. Vielen Dank für diesen schönen Bericht - es liest sich so stimmig und fast schon entspannt.
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon oetteken » Di 5. Mai 2015, 13:15

Danke für den schönen Bericht, scheint eine sehr schöne Geburt gewesen zu sein, wie du ja auch die 14 Tage, die ihr danach noch hattet, beschrieben hast! Was für ein Glück, dass du damit im Reinen bist! Sonst wäre es vielleicht jetzt noch schwerer (?)
Du hörst dich sehr stark an! Den Vergleich mit dem Motorradfahren finde ich lustig, hab ich tatsächlich so noch nie gehört.. :bgrin:
Hast du toll gemacht!
Ich wünsche euch alles alles Gute und, dass ihr alle schönen Erinnerungen festhalten könnt!

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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Josie2013 » Di 5. Mai 2015, 13:17

Ich danke Dir, so ein schöner Bericht, mir kommen wieder die Tränen.
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Lavendel » Di 5. Mai 2015, 14:21

Danke, für diesen schönen Bericht wp-cry :rainbow:
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Lottamarie

Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Lottamarie » Di 5. Mai 2015, 15:38

Danke für diesen schönen Bericht. :hearts:

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Meow
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon Meow » Di 5. Mai 2015, 17:25

hört sich nach einer wunderbar entspannten geburt an :princess:

:candle:
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imjuli
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon imjuli » Di 5. Mai 2015, 17:37

Vielen Dank für diesen Bericht. Ich muss so oft unbekannterweise an euch denken. Dein süßer Marc wird immer bei euch sein :candle:
Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein. Voltaire

irdalanem
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Re: Hausgeburt in der Badewanne - geliehenes Glück

Beitragvon irdalanem » Di 5. Mai 2015, 19:07

Danke das du den Bericht mit uns geteilt hast :herzen:
3x soviel Kinder wie Erwachsene


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