Eine (nur halb geplante) Alleingeburt
Verfasst: Mi 3. Jun 2026, 07:30
Hallo,
meine Geburt ist nun schon 3,5 Jahre her, aber weil es hier schon lange keinen Bericht mehr gab, poste ich nun meinen noch. Er ist ausführlich und beschreibt auch die Tage vor der Geburt schon, weil ich das bei Berichten selber immer interessant fand.
Ps. Dies ist der Account meines Mannes, nur falls sich jemand wundert :-)
Schwangerschaft
Ich erwarte mein drittes Kind, die letzte Geburt ist 4 Jahre her. Für meinen Mann ist es das 5. Kind. Für mich wird es die 2. Hausgeburt sein, für meinen Mann die 4. Es ist unser erstes gemeinsames Kind. Wir wissen beide genau was wir wollen und was wir nicht wollen.
Wir haben eine unkomplizierte, gesunde Schwangerschaft erlebt. Den Gynäkologen haben wir nur zur Feststellung in der 8 SSW, zur einmaligen Abklärung von Blutungen (11 SSW) und zum Organscreening in der 22. Woche gesehen. Wir haben auf sämtliche weiteren Untersuchungen, Tests, Ultraschall, CTG, Strepptokokkenabstrich usw. verzichtet. Wir fühlen unser Baby sehr gut und haben eine enge mentale Verbindung.
Die Standardvorsorge hat unsere Hebamme alle paar Wochen zu Hause gemacht, da sie keine Versicherung hat kann sie unsere Hausgeburt leider nicht betreuen.
Eine Hausgeburtshebamme zu finden erweist sich als schwierig. Gleich 2 Hebammen springen uns wieder ab, nachdem sie die Betreuung zugesagt haben und es auch schon erste Treffen gab. Beim zweiten Mal bin ich bereits in der 25. Woche schwanger. Wir stehen ganz schön da und erwägen unsere Möglichkeiten. In die Klinik wollen wir auf keinen Fall, dann lieber eine Alleingeburt. Aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Not. Ganz wohl fühlen wir uns damit nicht.
Es gelingt uns dann zum Glück doch noch eine dritte Hebamme zu finden, sie hat allerdings einen Anfahrtsweg von einer Stunde. Da meine vorherigen Geburten mit jeweils 4 Stunden ab der ersten Wehe recht kurz waren, ist es durchaus möglich, dass die Hebamme es nicht pünktlich zu unserer Geburt schafft.
Deshalb beschäftigen wir uns mit der Alleingeburt, lesen viel und schauen Videos. Auch unsere 6 Kinder bereiten wir vor, sprechen viel über den Geburtsvorgang und lassen auch sie Videos mit ansehen. Planmäßig sollen sie bei der Geburt nicht direkt dabei sein, sollte aber eines nachts wach werden wäre das eben auch so.
Zusätzlich buchen wir uns einen Hypnobirthing-Onlinekurs und absolvieren diesen gemeinsam als Paar, hören regelmäßig die Hypnosen. (Kleiner Spoiler: Unter der Geburt haben wir nichts davon angewandt, es fühlte sich nicht stimmig an. Trotzdem war diese mentale Vorbereitung total gut.)
Wir sind gut vorbereitet und ab 37+0 bereit unser Kind zu begrüßen.
07.12.2022 – 37+2
Die Frühchengrenze haben wir erreicht, jetzt darf das Kind per Hausgeburt zur Welt kommen. Abends nutzen wir die Zeit für etwas intime Zweisamkeit. Kurz darauf setzen Wehen ein. Zum ersten Mal sind sie nicht nur als Spannung, sondern auch als Ziehen, als „Schmerz“ im Bauch spürbar. Eine Wehe kommt, noch eine. Interessiert beginnen wir die Abstände zu messen. Sie kommen alle 1,5 – 2 Minuten und sind etwa 30-45 Sekunden lang. Schon nach kurzer Zeit sagt uns die App, dass wir in die Klinik fahren sollen. Die Intensität ist spürbar, aber gut auszuhalten. Gemeinsam liegen wir auf die Couch und spüren die Wehen, ich erlebe sie als fast genussvoll. Sie bringen mein Baby zu mir.
Wir entscheiden in die Badewanne zu gehen und zu schauen was weiter passiert. Die Abstände verlängern sich auf 3 Minuten, die Intensität nimmt ab. Weg sind sie aber auf keinen Fall. Wir wollen unsere Hebamme anrufen, nur mal so als Vorwarnung. Ob das wirklich Geburtswehen sind kann ich noch nicht sagen. Bei den 2 Geburten vorher waren die Babys 4 Stunden nach Einsetzen solcher Wehen geboren. Das Telefon klingelt. Lange. Die Hebamme geht nicht ran. Es ist 22 Uhr. Wir versuchen es 20 Minuten später erneut. Auch diesmal klingelt es erfolglos.
Wir schreiben unsere Vorsorgehebamme an. Sie hat derzeit keine Versicherung, kann unsere Geburt nicht betreuen, das wissen wir. Sie ist noch wach, verspricht das Handy anzulassen und verabschiedet sich in die Nacht.
Kurz danach meldet sich die Geburtshebamme. Sie hat einen akuten Magen-Darm-Infekt, kann nicht aufstehen. Wir telefonieren kurz, es ist völlig klar, dass sie nicht kommen kann.
Wir schreiben die Hebamme aus dem Ort an, wir kennen sie nur flüchtig. Sie macht für gewöhnlich keine Hausgeburten, ist aber zumindest versichert und hatte angeboten zu kommen, falls sie Zeit hat und unsere Geburt zu schnell geht. Sie liest unsere Nachricht nicht mehr, schläft bereits.
Die Option einer Alleingeburt stand für uns durchaus im Raum, aber eher weil das Baby schneller ist als die Hebamme. Nun niemanden zu haben den man anrufen kann fühlt sich nicht gut an.
Wir verlassen die Badewanne, gehen zu Bett, wollen noch etwas schlafen. Die Wehen kommen weiter am Abstand von 2 Minuten, werden immer stärker. Nach 1,5 Stunden im Bett kann ich nicht mehr liegen, habe Schmerzen, mittlerweile nur noch im Rücken. Auch das kenne ich bereits von den anderen 2 Geburten, da hatte ich ausschließlich Rückenwehen.
Gegen 1 Uhr in der Nacht gehen wir wieder ins Wohnzimmer, feuern den Kamin an, hängen Handtücher auf. Wir holen unsere Geburtstasche mit den Unterlagen, bereiten ein wenig was vor. Ich stütze mich in den Wehen schon auf dem Tisch ab, atme mit. Habe das erste Mal das Gefühl, dass ich genau jetzt eine Hebamme anrufen möchte. Es ist aber niemand da.
Wenige Minuten später werden die Wehenabstände länger, schließlich lassen die Wehen komplett nach. Etwas ernüchtert gehen wir gegen 2 ins Bett, die Geburt hat gestoppt.
10.12.2022 – 37+5
Unsere Hebamme ist wieder gesund, wir wollen unser Kind jetzt gerne bald im Arm halten. Am Tag zuvor war die Vorsorgehebamme da, das Kind liegt super, es ist alles gut. Nach unserer eigenen Einschätzung ist der Muttermund auf 4 cm eröffnet, wir tasten ausschließlich selber.
Wir nutzen den Abend wieder für Zweisamkeit, wollen die Wehen ankurbeln. Leichte Wehen setzen ein, allerdings viel harmloser als 3 Abende zuvor. Wir schauen noch einen Film, gehen gegen 22 Uhr ins Bett. Ich kann nicht schlafen, die Wehen tun nicht weh, aber meine Mutterbänder schmerzen sehr unangenehm. Das Baby ist unglaublich aufgeregt, tobt ohne Pause, zerrt an den Bändern. Es drückt auf Blase und Darm, ich gehe gefühlte 100 mal zur Toilette. Habe immer wieder das Gefühl, dass gleich die Blase springt. Irgendwann beruhigt sich das Baby, wir schlafen die ganze Nacht ruhig und wehenfrei.
11.12.2022 – 37+6
Ich habe den ganzen Tag über Wehen, sie tun nicht weh, der Bauch spannt aber ordentlich. Das Baby ist aktiv, aber nicht überdreht.
Auf meinen Wunsch tastet mein Mann den Muttermund, ich möchte wissen ob die Nacht etwas gebracht hat. Gleichzeitig finden wir die Vorgänge sehr spannend und freuen uns so viel selber spüren zu können.
Der Muttermund hat sich auf etwa 5 cm geöffnet, mit leichtem Druck ist er auf etwa 7 cm dehnbar, er ist sehr weich.
Sobald die Wehen wirklich einsetzen wird es schnell gehen, da sind wir recht sicher und das ist auch das was ich aus meiner letzten Hausgeburt kenne.
Abends versuchen wir ein weiteres Mal die Wehen natürlich anzuregen. Schon recht bald setzen die ersten Wehen ein, sie ziehen leicht im Bauch, sind aber sonst harmlos. Wir schauen noch unseren Film zu Ende, überlegen ob wir schlafen gehen sollen oder nicht. Wir räumen noch etwas auf, die Wehen kommen alle 2-3 Minuten, ich erlebe sie wieder als angenehm, sie bringen mir mein Kind. Schmerzen habe ich nicht wirklich, eher Druck nach unten auf die Leisten. Ich kreise viel mit den Hüften, wiege mich hin und her. Gegen 23 Uhr werden die Abstände wieder länger, wir gehen schlafen und ich schlafe auch schnell ein. Um 1 werden ich von den wieder einsetzenden Wehen geweckt. Im Liegen sind sie schon wirklich unangenehm, die Abstände sind aber noch groß, 5 Minuten und länger. Einschlafen kann ich trotzdem nicht mehr richtig, ich stehe auf, feuere den Kamin wieder an, schreibe diesen Text. Die Wehen werden seltener.
Draußen liegt eine mehrere Zentimeter hohe Schneedecke, heute Nacht gab es Neuschnee.
Gegen 2.30 Uhr gehe ich schlafe und wache kurz vor 7 auf. Die Wehen sind weg, ich bin immer noch schwanger. Ich bin genervt. Beschließe jetzt einfach mal ein paar Nächte zu schlafen, die Wehen nicht weiter anzustupsen und zu warten was mein Körper so von alleine tut.
16.12.2022 – 38+4
Die Hebamme kommt zur Vorsorge. Sie bietet an heute auch mal vaginal zu untersuchen, um einzuschätzen wie das Baby liegt. Da wir das nicht selber können stimmen wir zu. Das Baby liegt von der Position her super. Allerdings ist es jetzt wieder abschiebbar, der Kopf drückt nicht auf den Muttermund, der Gebärmutterhals steht noch bei 1,5 cm und der Muttermund ist 3 cm geöffnet. Die Hebamme bestätigt das Gefühl von Verstopfung, was ich schon seit Tagen haben und sagt, der Darm sei so voll, dass er ein Geburtshindernis darstellt und das Baby am tiefer treten hindert. Sie empfiehlt dringend einen richtigen Einlauf mit 1,5 l Flüssigkeit zu machen, um den Darm zu entleeren und Platz für das Baby zu schaffen
17.12.2022 – 38+5
Bereits beim Abendessen spüre ich, dass die Kontraktionen die ich seit Tagen regelmäßig habe sich verändern. Sie tun noch nicht weh, aber der Bauch steht mehr unter Spannung.
Gegen 20 Uhr mache ich den Einlauf, fühle mich danach auch deutlich besser.
Nachdem alle Kinder schlafen beschließen wir das Baby erneut mit GV dazu einzuladen zu uns zu kommen. Nur Minuten später setzen die ersten Wehen ein, sie ziehen wieder merklich. Es ist etwa 22.45 Uhr. Die Wehen kommen in recht dichten Abständen, fühlen sich aber noch harmlos an, so wie auch in den Nächten zuvor. Wir sitzen noch etwas vor dem Kamin, ich wehe auf dem Pezziball vor mich hin. Mir ist leicht kalt, ich möchte in die warme Wanne gehen. Dort gehen die Wehen nicht komplett weg, werden aber weniger. Mir fallen immerzu die Augen zu, ich bin müde. Gegen Mitternacht gehen wir ins Bett und ich schlafe sofort ein.
18.12.2022 – 38+6
Halb 2 wird das kranke Kind neben mir wach, weint. Gleichzeitig spüre ich eine leicht schmerzhafte Wehe. Wir versorgen das Kind, als es wieder schläft sind die Wehen noch spürbar. Wir stehen wieder auf, feuern den Kamin nach, ich atme ein wenig. Schnell lassen die Wehen nach, um 2 gehen wir zurück ins Bett, ich schlafe direkt wieder ein.
4.15 Uhr werde ich wieder von Wehen geweckt. Ich sage zu meinem Mann, dass wir die geplante Nachtgeburt nicht schaffen werden. Die Abstände sind nicht super eng, die Wehen aber schon durchaus schmerzhaft. Ich veratme vielleicht 5 Wehen im Bett, fühle mich zunehmend unwohl im Liegen und auch gehemmt durch die beiden schlafenden Kinder. Wir stehen erneut auf, legen Holz nach. Ich kreise auf dem Pezziball das Becken, schaue in die Flammen. Schon sehr bald beginne ich leise mitzutönen, schließe die Augen, bin ganz bei mir. Wir schwanken noch wann wir die Hebamme informieren sollen, schon mehrfach hatten wir Nächte in den die Wehen intensiver wurden, dann aber wieder aufhörten.
Kurz vor 5 rufen wir an, schildern die bisherige Nacht. Während unseres Telefonats lässt die Intensität der Wehen sofort nach, ich bin sehr empfindlich für Störungen. Wir vereinbaren, dass die Hebamme sich fertig macht und ich eine Nachricht schreiben soll, wenn sie sich wirklich ins Auto setzen soll. Sie wird etwa 1 Stunde brauchen.
5. 23 Uhr bitte ich sie losfahren. Nur wenige Minuten später setzt eine Zeichnungsblutung ein, Blut tropft auf die Unterlage unter mir. Ich weiß, dass das normal ist, rufe trotzdem einmal kurz die Hebamme an um mich zu vergewissern.
Die Wehen nehmen an Fahrt auf, bald stehe ich im Raum, stütze mich während der Wehe am Tisch ab. Ich spüre sie fast nur noch im Rücken, mein Mann massiert mich, das hilft sehr. Ich töne nun schon laut mit, atme mit der Wehe. Ich spüre wie das Baby immer tiefer tritt, spüre genau wann der Muttermund vollständig eröffnet ist und der Kopf in den Geburtskanal eintritt. Ich höre an meinem eigenen Tönen den Unterschied.
Es ist vielleicht 5.45 Uhr als mir völlig klar ist, dass die Hebamme nicht rechtzeitig kommen wird.
5.50 Uhr wird unser Jüngster wach, mein Mann bringt ihn schnell zur großen Schwester ins Zimmer.
Etwa 5.55 Uhr möchte ich einen Positionswechsel. Ich spüre, dass die Geburt unmittelbar bevorsteht, möchte nicht im Stehen gebären. Ich bin mir unsicher wie ich das Kind auffangen soll.
Ich wechsle in die tiefe Hocke, lehne mich mit dem Rücken an die Couch, mein Mann sitzt hinter mir und stützt mich.
Eine recht leichte Wehe kommt, ich töne kaum mehr mit, schiebe. Ich fühle, kann den Kopf genau am Scheidenausgang spüren. Teile das meinem Mann mit. Den Kopf dort zu spüren, das Wissen dass das Baby gleich geboren ist, war magisch, ein so kraftvolles Gefühl.
Die nächste Wehe kommt, ich schiebe kräftig mit, spüre wie der Kopf geboren wird. Schmerzen habe ich keine. Mit dem Kopfdurchtritt springt auch die Fruchtblase, es platscht ganz ordentlich.
Nun ist das Baby schon halb draußen, ich bitte meinen Mann nach vorne zu kommen und mir beim Auffangen zu helfen. Er ist kurz irritiert, weil er mich von hinten besser stützen kann, kommt dann aber vor mich und ist völlig überrascht den Kopf zu sehen, das hatte er nicht mitbekommen. Kurz mache ich mir Sorgen um die Schultern, schiebe versuchsweise ohne Wehe, das klappt aber nicht. Die nächste Wehe kommt, mit ihr schießt das komplette Baby wie ein Sektkorken in Papas Hände. Es ist genau 6 Uhr, unsere Pendeluhr gongt.
Papa reicht mir das Baby hoch, ich lege es auf meine Brust, wir decken es mit Handtüchern zu. Es quiekt leise, atmet sofort gleichmäßig und ist rosig. Nach wenigen Sekunden ist es eingeschlafen.
Wir sind noch leicht überwältigt von dem Tempo, aber zufrieden. Nach und nach wachen die Geschwister auf und kommen dazu. Als um 6.25 Uhr auch die Hebamme eintrifft, sitzen wir entspannt an die Couch gelehnt, das Kind im Arm und 5 Kinder um uns, am Boden.
Wir plaudern, ich habe noch keine Lust auf die Plazenta. Um 6.55 Uhr schiebe ich dann doch mal kurz und gebäre die Plazenta. Sie ist mit 780g sehr schwer. Die Hebamme entdeckt völlig begeistert einen echten Nabelschnurknoten und möchte ein Foto davon machen.
Die Hebamme untersucht die Plazenta, erklärt den Kindern was das ist, wir machen Fotos.
Um 7 Uhr wecken wir das letzte Kind, wir haben noch nicht nach dem Geschlecht geschaut und sind nun neugierig. Als alle da sind, hebe ich das Handtuch und wir begrüßen voller Freude unsere Tochter.
Nun folgt das allgemeine Prozedere. U1, Bürokratie, duschen, stillen.
Ava Linnea – 49 cm und 3510g
meine Geburt ist nun schon 3,5 Jahre her, aber weil es hier schon lange keinen Bericht mehr gab, poste ich nun meinen noch. Er ist ausführlich und beschreibt auch die Tage vor der Geburt schon, weil ich das bei Berichten selber immer interessant fand.
Ps. Dies ist der Account meines Mannes, nur falls sich jemand wundert :-)
Schwangerschaft
Ich erwarte mein drittes Kind, die letzte Geburt ist 4 Jahre her. Für meinen Mann ist es das 5. Kind. Für mich wird es die 2. Hausgeburt sein, für meinen Mann die 4. Es ist unser erstes gemeinsames Kind. Wir wissen beide genau was wir wollen und was wir nicht wollen.
Wir haben eine unkomplizierte, gesunde Schwangerschaft erlebt. Den Gynäkologen haben wir nur zur Feststellung in der 8 SSW, zur einmaligen Abklärung von Blutungen (11 SSW) und zum Organscreening in der 22. Woche gesehen. Wir haben auf sämtliche weiteren Untersuchungen, Tests, Ultraschall, CTG, Strepptokokkenabstrich usw. verzichtet. Wir fühlen unser Baby sehr gut und haben eine enge mentale Verbindung.
Die Standardvorsorge hat unsere Hebamme alle paar Wochen zu Hause gemacht, da sie keine Versicherung hat kann sie unsere Hausgeburt leider nicht betreuen.
Eine Hausgeburtshebamme zu finden erweist sich als schwierig. Gleich 2 Hebammen springen uns wieder ab, nachdem sie die Betreuung zugesagt haben und es auch schon erste Treffen gab. Beim zweiten Mal bin ich bereits in der 25. Woche schwanger. Wir stehen ganz schön da und erwägen unsere Möglichkeiten. In die Klinik wollen wir auf keinen Fall, dann lieber eine Alleingeburt. Aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Not. Ganz wohl fühlen wir uns damit nicht.
Es gelingt uns dann zum Glück doch noch eine dritte Hebamme zu finden, sie hat allerdings einen Anfahrtsweg von einer Stunde. Da meine vorherigen Geburten mit jeweils 4 Stunden ab der ersten Wehe recht kurz waren, ist es durchaus möglich, dass die Hebamme es nicht pünktlich zu unserer Geburt schafft.
Deshalb beschäftigen wir uns mit der Alleingeburt, lesen viel und schauen Videos. Auch unsere 6 Kinder bereiten wir vor, sprechen viel über den Geburtsvorgang und lassen auch sie Videos mit ansehen. Planmäßig sollen sie bei der Geburt nicht direkt dabei sein, sollte aber eines nachts wach werden wäre das eben auch so.
Zusätzlich buchen wir uns einen Hypnobirthing-Onlinekurs und absolvieren diesen gemeinsam als Paar, hören regelmäßig die Hypnosen. (Kleiner Spoiler: Unter der Geburt haben wir nichts davon angewandt, es fühlte sich nicht stimmig an. Trotzdem war diese mentale Vorbereitung total gut.)
Wir sind gut vorbereitet und ab 37+0 bereit unser Kind zu begrüßen.
07.12.2022 – 37+2
Die Frühchengrenze haben wir erreicht, jetzt darf das Kind per Hausgeburt zur Welt kommen. Abends nutzen wir die Zeit für etwas intime Zweisamkeit. Kurz darauf setzen Wehen ein. Zum ersten Mal sind sie nicht nur als Spannung, sondern auch als Ziehen, als „Schmerz“ im Bauch spürbar. Eine Wehe kommt, noch eine. Interessiert beginnen wir die Abstände zu messen. Sie kommen alle 1,5 – 2 Minuten und sind etwa 30-45 Sekunden lang. Schon nach kurzer Zeit sagt uns die App, dass wir in die Klinik fahren sollen. Die Intensität ist spürbar, aber gut auszuhalten. Gemeinsam liegen wir auf die Couch und spüren die Wehen, ich erlebe sie als fast genussvoll. Sie bringen mein Baby zu mir.
Wir entscheiden in die Badewanne zu gehen und zu schauen was weiter passiert. Die Abstände verlängern sich auf 3 Minuten, die Intensität nimmt ab. Weg sind sie aber auf keinen Fall. Wir wollen unsere Hebamme anrufen, nur mal so als Vorwarnung. Ob das wirklich Geburtswehen sind kann ich noch nicht sagen. Bei den 2 Geburten vorher waren die Babys 4 Stunden nach Einsetzen solcher Wehen geboren. Das Telefon klingelt. Lange. Die Hebamme geht nicht ran. Es ist 22 Uhr. Wir versuchen es 20 Minuten später erneut. Auch diesmal klingelt es erfolglos.
Wir schreiben unsere Vorsorgehebamme an. Sie hat derzeit keine Versicherung, kann unsere Geburt nicht betreuen, das wissen wir. Sie ist noch wach, verspricht das Handy anzulassen und verabschiedet sich in die Nacht.
Kurz danach meldet sich die Geburtshebamme. Sie hat einen akuten Magen-Darm-Infekt, kann nicht aufstehen. Wir telefonieren kurz, es ist völlig klar, dass sie nicht kommen kann.
Wir schreiben die Hebamme aus dem Ort an, wir kennen sie nur flüchtig. Sie macht für gewöhnlich keine Hausgeburten, ist aber zumindest versichert und hatte angeboten zu kommen, falls sie Zeit hat und unsere Geburt zu schnell geht. Sie liest unsere Nachricht nicht mehr, schläft bereits.
Die Option einer Alleingeburt stand für uns durchaus im Raum, aber eher weil das Baby schneller ist als die Hebamme. Nun niemanden zu haben den man anrufen kann fühlt sich nicht gut an.
Wir verlassen die Badewanne, gehen zu Bett, wollen noch etwas schlafen. Die Wehen kommen weiter am Abstand von 2 Minuten, werden immer stärker. Nach 1,5 Stunden im Bett kann ich nicht mehr liegen, habe Schmerzen, mittlerweile nur noch im Rücken. Auch das kenne ich bereits von den anderen 2 Geburten, da hatte ich ausschließlich Rückenwehen.
Gegen 1 Uhr in der Nacht gehen wir wieder ins Wohnzimmer, feuern den Kamin an, hängen Handtücher auf. Wir holen unsere Geburtstasche mit den Unterlagen, bereiten ein wenig was vor. Ich stütze mich in den Wehen schon auf dem Tisch ab, atme mit. Habe das erste Mal das Gefühl, dass ich genau jetzt eine Hebamme anrufen möchte. Es ist aber niemand da.
Wenige Minuten später werden die Wehenabstände länger, schließlich lassen die Wehen komplett nach. Etwas ernüchtert gehen wir gegen 2 ins Bett, die Geburt hat gestoppt.
10.12.2022 – 37+5
Unsere Hebamme ist wieder gesund, wir wollen unser Kind jetzt gerne bald im Arm halten. Am Tag zuvor war die Vorsorgehebamme da, das Kind liegt super, es ist alles gut. Nach unserer eigenen Einschätzung ist der Muttermund auf 4 cm eröffnet, wir tasten ausschließlich selber.
Wir nutzen den Abend wieder für Zweisamkeit, wollen die Wehen ankurbeln. Leichte Wehen setzen ein, allerdings viel harmloser als 3 Abende zuvor. Wir schauen noch einen Film, gehen gegen 22 Uhr ins Bett. Ich kann nicht schlafen, die Wehen tun nicht weh, aber meine Mutterbänder schmerzen sehr unangenehm. Das Baby ist unglaublich aufgeregt, tobt ohne Pause, zerrt an den Bändern. Es drückt auf Blase und Darm, ich gehe gefühlte 100 mal zur Toilette. Habe immer wieder das Gefühl, dass gleich die Blase springt. Irgendwann beruhigt sich das Baby, wir schlafen die ganze Nacht ruhig und wehenfrei.
11.12.2022 – 37+6
Ich habe den ganzen Tag über Wehen, sie tun nicht weh, der Bauch spannt aber ordentlich. Das Baby ist aktiv, aber nicht überdreht.
Auf meinen Wunsch tastet mein Mann den Muttermund, ich möchte wissen ob die Nacht etwas gebracht hat. Gleichzeitig finden wir die Vorgänge sehr spannend und freuen uns so viel selber spüren zu können.
Der Muttermund hat sich auf etwa 5 cm geöffnet, mit leichtem Druck ist er auf etwa 7 cm dehnbar, er ist sehr weich.
Sobald die Wehen wirklich einsetzen wird es schnell gehen, da sind wir recht sicher und das ist auch das was ich aus meiner letzten Hausgeburt kenne.
Abends versuchen wir ein weiteres Mal die Wehen natürlich anzuregen. Schon recht bald setzen die ersten Wehen ein, sie ziehen leicht im Bauch, sind aber sonst harmlos. Wir schauen noch unseren Film zu Ende, überlegen ob wir schlafen gehen sollen oder nicht. Wir räumen noch etwas auf, die Wehen kommen alle 2-3 Minuten, ich erlebe sie wieder als angenehm, sie bringen mir mein Kind. Schmerzen habe ich nicht wirklich, eher Druck nach unten auf die Leisten. Ich kreise viel mit den Hüften, wiege mich hin und her. Gegen 23 Uhr werden die Abstände wieder länger, wir gehen schlafen und ich schlafe auch schnell ein. Um 1 werden ich von den wieder einsetzenden Wehen geweckt. Im Liegen sind sie schon wirklich unangenehm, die Abstände sind aber noch groß, 5 Minuten und länger. Einschlafen kann ich trotzdem nicht mehr richtig, ich stehe auf, feuere den Kamin wieder an, schreibe diesen Text. Die Wehen werden seltener.
Draußen liegt eine mehrere Zentimeter hohe Schneedecke, heute Nacht gab es Neuschnee.
Gegen 2.30 Uhr gehe ich schlafe und wache kurz vor 7 auf. Die Wehen sind weg, ich bin immer noch schwanger. Ich bin genervt. Beschließe jetzt einfach mal ein paar Nächte zu schlafen, die Wehen nicht weiter anzustupsen und zu warten was mein Körper so von alleine tut.
16.12.2022 – 38+4
Die Hebamme kommt zur Vorsorge. Sie bietet an heute auch mal vaginal zu untersuchen, um einzuschätzen wie das Baby liegt. Da wir das nicht selber können stimmen wir zu. Das Baby liegt von der Position her super. Allerdings ist es jetzt wieder abschiebbar, der Kopf drückt nicht auf den Muttermund, der Gebärmutterhals steht noch bei 1,5 cm und der Muttermund ist 3 cm geöffnet. Die Hebamme bestätigt das Gefühl von Verstopfung, was ich schon seit Tagen haben und sagt, der Darm sei so voll, dass er ein Geburtshindernis darstellt und das Baby am tiefer treten hindert. Sie empfiehlt dringend einen richtigen Einlauf mit 1,5 l Flüssigkeit zu machen, um den Darm zu entleeren und Platz für das Baby zu schaffen
17.12.2022 – 38+5
Bereits beim Abendessen spüre ich, dass die Kontraktionen die ich seit Tagen regelmäßig habe sich verändern. Sie tun noch nicht weh, aber der Bauch steht mehr unter Spannung.
Gegen 20 Uhr mache ich den Einlauf, fühle mich danach auch deutlich besser.
Nachdem alle Kinder schlafen beschließen wir das Baby erneut mit GV dazu einzuladen zu uns zu kommen. Nur Minuten später setzen die ersten Wehen ein, sie ziehen wieder merklich. Es ist etwa 22.45 Uhr. Die Wehen kommen in recht dichten Abständen, fühlen sich aber noch harmlos an, so wie auch in den Nächten zuvor. Wir sitzen noch etwas vor dem Kamin, ich wehe auf dem Pezziball vor mich hin. Mir ist leicht kalt, ich möchte in die warme Wanne gehen. Dort gehen die Wehen nicht komplett weg, werden aber weniger. Mir fallen immerzu die Augen zu, ich bin müde. Gegen Mitternacht gehen wir ins Bett und ich schlafe sofort ein.
18.12.2022 – 38+6
Halb 2 wird das kranke Kind neben mir wach, weint. Gleichzeitig spüre ich eine leicht schmerzhafte Wehe. Wir versorgen das Kind, als es wieder schläft sind die Wehen noch spürbar. Wir stehen wieder auf, feuern den Kamin nach, ich atme ein wenig. Schnell lassen die Wehen nach, um 2 gehen wir zurück ins Bett, ich schlafe direkt wieder ein.
4.15 Uhr werde ich wieder von Wehen geweckt. Ich sage zu meinem Mann, dass wir die geplante Nachtgeburt nicht schaffen werden. Die Abstände sind nicht super eng, die Wehen aber schon durchaus schmerzhaft. Ich veratme vielleicht 5 Wehen im Bett, fühle mich zunehmend unwohl im Liegen und auch gehemmt durch die beiden schlafenden Kinder. Wir stehen erneut auf, legen Holz nach. Ich kreise auf dem Pezziball das Becken, schaue in die Flammen. Schon sehr bald beginne ich leise mitzutönen, schließe die Augen, bin ganz bei mir. Wir schwanken noch wann wir die Hebamme informieren sollen, schon mehrfach hatten wir Nächte in den die Wehen intensiver wurden, dann aber wieder aufhörten.
Kurz vor 5 rufen wir an, schildern die bisherige Nacht. Während unseres Telefonats lässt die Intensität der Wehen sofort nach, ich bin sehr empfindlich für Störungen. Wir vereinbaren, dass die Hebamme sich fertig macht und ich eine Nachricht schreiben soll, wenn sie sich wirklich ins Auto setzen soll. Sie wird etwa 1 Stunde brauchen.
5. 23 Uhr bitte ich sie losfahren. Nur wenige Minuten später setzt eine Zeichnungsblutung ein, Blut tropft auf die Unterlage unter mir. Ich weiß, dass das normal ist, rufe trotzdem einmal kurz die Hebamme an um mich zu vergewissern.
Die Wehen nehmen an Fahrt auf, bald stehe ich im Raum, stütze mich während der Wehe am Tisch ab. Ich spüre sie fast nur noch im Rücken, mein Mann massiert mich, das hilft sehr. Ich töne nun schon laut mit, atme mit der Wehe. Ich spüre wie das Baby immer tiefer tritt, spüre genau wann der Muttermund vollständig eröffnet ist und der Kopf in den Geburtskanal eintritt. Ich höre an meinem eigenen Tönen den Unterschied.
Es ist vielleicht 5.45 Uhr als mir völlig klar ist, dass die Hebamme nicht rechtzeitig kommen wird.
5.50 Uhr wird unser Jüngster wach, mein Mann bringt ihn schnell zur großen Schwester ins Zimmer.
Etwa 5.55 Uhr möchte ich einen Positionswechsel. Ich spüre, dass die Geburt unmittelbar bevorsteht, möchte nicht im Stehen gebären. Ich bin mir unsicher wie ich das Kind auffangen soll.
Ich wechsle in die tiefe Hocke, lehne mich mit dem Rücken an die Couch, mein Mann sitzt hinter mir und stützt mich.
Eine recht leichte Wehe kommt, ich töne kaum mehr mit, schiebe. Ich fühle, kann den Kopf genau am Scheidenausgang spüren. Teile das meinem Mann mit. Den Kopf dort zu spüren, das Wissen dass das Baby gleich geboren ist, war magisch, ein so kraftvolles Gefühl.
Die nächste Wehe kommt, ich schiebe kräftig mit, spüre wie der Kopf geboren wird. Schmerzen habe ich keine. Mit dem Kopfdurchtritt springt auch die Fruchtblase, es platscht ganz ordentlich.
Nun ist das Baby schon halb draußen, ich bitte meinen Mann nach vorne zu kommen und mir beim Auffangen zu helfen. Er ist kurz irritiert, weil er mich von hinten besser stützen kann, kommt dann aber vor mich und ist völlig überrascht den Kopf zu sehen, das hatte er nicht mitbekommen. Kurz mache ich mir Sorgen um die Schultern, schiebe versuchsweise ohne Wehe, das klappt aber nicht. Die nächste Wehe kommt, mit ihr schießt das komplette Baby wie ein Sektkorken in Papas Hände. Es ist genau 6 Uhr, unsere Pendeluhr gongt.
Papa reicht mir das Baby hoch, ich lege es auf meine Brust, wir decken es mit Handtüchern zu. Es quiekt leise, atmet sofort gleichmäßig und ist rosig. Nach wenigen Sekunden ist es eingeschlafen.
Wir sind noch leicht überwältigt von dem Tempo, aber zufrieden. Nach und nach wachen die Geschwister auf und kommen dazu. Als um 6.25 Uhr auch die Hebamme eintrifft, sitzen wir entspannt an die Couch gelehnt, das Kind im Arm und 5 Kinder um uns, am Boden.
Wir plaudern, ich habe noch keine Lust auf die Plazenta. Um 6.55 Uhr schiebe ich dann doch mal kurz und gebäre die Plazenta. Sie ist mit 780g sehr schwer. Die Hebamme entdeckt völlig begeistert einen echten Nabelschnurknoten und möchte ein Foto davon machen.
Die Hebamme untersucht die Plazenta, erklärt den Kindern was das ist, wir machen Fotos.
Um 7 Uhr wecken wir das letzte Kind, wir haben noch nicht nach dem Geschlecht geschaut und sind nun neugierig. Als alle da sind, hebe ich das Handtuch und wir begrüßen voller Freude unsere Tochter.
Nun folgt das allgemeine Prozedere. U1, Bürokratie, duschen, stillen.
Ava Linnea – 49 cm und 3510g